Temporomandibuläre Dysfunktionen sind eine häufige Ursache orofazialer Schmerzen und treten häufig zusammen mit Kopfschmerzen auf. Sie beginnen oft bereits im jungen Erwachsenenalter, beeinträchtigen zentrale Alltagsfunktionen wie Essen und Sprechen und führen nicht selten zu langen, kostspieligen Behandlungswegen. Das vom Österreichischen Wissenschaftsfonds FWF geförderte Projekt (Fördersumme 456.290 Euro) unter der Leitung von Benedikt Sagl setzt hier an und schafft eine Grundlage für gezieltere, personenzentrierte Versorgung.
Neue Erkenntnisse für gezielte Behandlung
Im Mittelpunkt steht eine klare Frage: Können feine Unterschiede in der Form des Kiefergelenks bei Frauen und Männern dazu führen, dass beim Kauen andere Kräfte wirken und damit das Risiko für Schmerzen steigt? Wenn das „Scharnier“ zwischen Schädel und Unterkiefer minimal anders geformt ist, verteilt sich die Belastung anders. Dieses Zusammenspiel von Form und Belastung macht das Team sichtbar und ordnet es den Beschwerden zu. Die Arbeiten adressieren damit eine zentrale Lücke in der Frauen- und Geschlechtergesundheit und bringen biomechanisches Wissen in den zahnmedizinischen Alltag.
Methodisch nutzt das Projekt zwei Enabler: Reduced-Coordinate Modeling für schnelle, personenspezifische Simulationen und Reinforcement Learning zur realistischen Steuerung der Kaumuskeln im Modell, ohne invasive Messungen. So lassen sich alltagsnahe „Was-wäre-wenn?“-Fragen prüfen, etwa wie unterschiedliche Bewegungsmuster oder Versorgungsstrategien die Beanspruchung beeinflussen. Die Zwillinge digitale des Kiefergelenks schaffen damit ein anschauliches, datenbasiertes Verständnis, das Forschung und Lehre ebenso zugutekommt wie die klinische Entscheidungsfindung.
Kiefergesundheit individuell gestalten
Ziel ist es, klar benennbare Merkmale der Gelenkform zu identifizieren, die mit erhöhter Belastung verbunden sind. Daraus kann eine einfach verständliche Früherkennungshilfe für die Praxis entstehen: Wer solche Merkmale zeigt, sollte genauer untersucht und entsprechend der individuellen Situation behandelt werden. Der Nutzen für die Öffentlichkeit liegt in früherer Erkennung, gezielterer Therapie und weniger unnötigen Eingriffen, gleichzeitig können und Aufklärung für Betroffene verbessert werden.
Quelle: Universitätszahnklinik Wien
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