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“Es war meine Absicht dieses Tabu zu brechen“ – ergonomischer BH für Zahnärztinnen entwickelt

Die ergonomischste Position für Zahnärztinnen und Zahnärzte ist, wenn der Kopf des waagerecht liegenden Patienten auf Brusthöhe in der Mitte der Sagittalebene positioniert ist.
© RossHelen/Shutterstock
By Franziska Beier, Dental Tribune International
March 09, 2021

DÜSSELDORF/HONGKONG – Da die Zahl der Zahnärztinnen in den letzten Jahrzehnten stetig zugenommen hat, sind deren Bedürfnisse im Bereich der dentalen Ergonomie in den Fokus gerückt. Die weibliche Brust und die unterschiedlichen BH-Körbchengrößen spielen eine wichtige Rolle, da sie Zahnärztinnen oft daran hindern, eine symmetrische, aufrechte Arbeitshaltung während der Patientenbehandlung einzunehmen. In einem gemeinsamen Projekt der Arbeitsgemeinschaft Ergonomie in der Zahnheilkunde (AGEZ) und der Hong Kong Polytechnic University (PolyU) werden Kriterien für die Herstellung eines BHs erarbeitet, der eine gesunde Arbeitshaltung und eine freie Sicht auf die Mundhöhle des Patienten gewährleistet. Um ein Produkt zu entwickeln, das den Bedürfnissen von Zahnärztinnen und Zahnmedizinischen Fachangestellten entspricht, haben die Forschenden eine Umfrage erstellt und möchten möglichst viele Teilnehmerinnen zu einem Feedback ermutigen.

Projektinitiator Dr. Jerome Rotgans. © Jerome Rotgans

Da er die zahnärztliche Ergonomie stets nur aus der männlichen Perspektive erlebt hat, nahm sich Projektinitiator Dr. Jerome Rotgans, Vorsitzender der AGEZ – einer Fachgruppe der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde – und außerplanmäßiger Professor an der Uniklinik RWTH Aachen, vor, dies proaktiv zu ändern. Auf der Jahrestagung der AGEZ im Jahr 2019 ging es um Ergonomie für Zahnärztinnen. In Vorbereitung auf seinen Vortrag auf der Tagung stellte Rotgans fest, dass Daten zur physischen und psychischen Belastbarkeit von Frauen die weibliche Brust nicht explizit als mögliche Ursache für eine ungesunde Arbeitshaltung benennen. “Es war meine Absicht, dieses Tabu zu brechen“, sagte er Dental Tribune International (DTI) in einem Interview.

Laut Projektpartnerin Dr. Kit-lun Yick, außerordentliche Professorin am Institut für Textilien und Bekleidung an der PolyU, verursacht das Tragen unpassender BHs Unbehagen, Angst und sogar Befangenheit. Auf die Frage, was sie motiviert hat, an dem Projekt teilzunehmen, sagte sie DTI: „Es ist ein sinnvolles Projekt. Traditionell konzentriert sich die Industrie für Unterwäsche nur auf das Design von Alltags- und Sport-BHs. Wir untersuchen selten die unterschiedlichen Bedürfnisse von berufstätigen Frauen im BH-Design- und Entwicklungsprozess.“

Wieso ist ein ergonomischer BH für Zahnärztinnen notwendig?

Die ergonomischste Position für Zahnärztinnen und Zahnärzte ist, wenn der Kopf des waagerecht liegenden Patienten auf Brusthöhe in der Mitte der Sagittalebene liegt. Zahnärztinnen vernachlässigen diese Haltung jedoch möglicherweise, falls die Sicht in die Mundhöhle durch die Brust eingeschränkt ist. Dies führt zu einer ungesunden Arbeitshaltung für etliche Stunden am Tag.

Besonders bei Frauen mit größeren Körbchengrößen wird durch das Tragen eines BHs die Brust angehoben und teilweise seitlich verschoben. Beides wird laut Rotgans als ergonomisch sehr schädlich angesehen. „Durch das Anheben wird die Brust stärker hervorgehoben. Dies behindert die Sichtlinie der behandelnden Zahnärztin, die dies durch Vorbeugen kompensieren wird, was zu einer zusätzlichen Belastung der Nacken- und Schultermuskulatur führt. Seitliche Bewegungen spreizen die Oberarme, was zu einer zusätzlichen Belastung der Schultermuskulatur führt“, erklärte er. Außerdem können BH-Träger die Blutzirkulation behindern und in die Haut einschneiden, was zu Muskelverspannungen und extremem Unbehagen führt.

Zurücklehnen und nach vorn beugen sind außerdem Körperhaltungen, die den Kontakt zwischen der Brust der Zahnärztin und dem Kopf des Patienten vermeiden sollen. Derzeit erhältliche Produkte, wie z. B. Bügel- oder Kompressions-BHs, gehen nicht auf die ergonomischen Bedürfnisse von Zahnärztinnen ein, sondern verstärken eher die körperlichen Probleme, so Yick.

Dr. Kit-lun Yick, Projektpartnerin von der Hong Kong Polytechnic University. © Kit-lun Yick

Deutscher Ergonomie-Arbeitskreis trifft Hongkonger Textilinstitut

Auf der Suche nach Forschungspartnern stieß Rotgans auf die PolyU, die einen Studiengang für Mode und Textilien mit einem besonderen Fokus auf Unterwäsche anbietet. Nach einem ersten erfolglosen Versuch, das Projekt 2019 zu initiieren, nahm Rotgans im Mai letzten Jahres erneut Kontakt mit der Universität auf. Diesmal wurde ihm innerhalb weniger Tage ein erster Projektentwurf vorgelegt, und im Juli startete die erste Projektphase. Die Aufgabe der AGEZ ist es, Teilnehmerinnen für die Umfrage zu rekrutieren, was mit Unterstützung der Hong Kong Dental Association bereits geschehen ist. Nun wird mit Hilfe von DTI eine zweite Runde durchgeführt. Die Aufgabe von PolyU ist es, Experimente durchzuführen, die geeignete Lösungen im BH-Design liefern.

Diese Experimente werden die Analyse von BHs beinhalten. Die Designmerkmale, die Materialeigenschaften und der Druck am Kontaktpunkt zwischen BH und Brust an verschiedenen Stellen – wie z. B. an den Schulterträgern, unter den Achseln und am oberen Rücken – werden an verschiedenen BHs untersucht. Dazu gehören Alltags-BHs, Kompressions-Sport-BHs und und Sport-BHs die auf dem Einkapselungs-Prinzip basieren. Die Druckstudien werden über ein Druckmesssystem durchgeführt. Mit Hilfe von 3D-Körperscans werden auch die entsprechenden Veränderungen der Brustform gemessen.

„Es wird ein Prototyp eines BHs entworfen und entwickelt, der darauf abzielt, die Verschiebung und das Hervortreten der Brust während der Zahnbehandlung zu minimieren. Um dies zu erreichen, werden die Materialauswahl und die Herstellung der Schnittmuster systematisch untersucht. Die Experimente werden wiederholt und der Gesamtkomfort des BH-Prototyps wird zusätzlich durch subjektives Probetragen berücksichtigt“, erklärte Yick.

Positive Langzeitwirkung für Zahnärztinnen

Um ein Produkt zu entwerfen, das die Bedürfnisse von Zahnärztinnen in der täglichen Praxis berücksichtigt, sind die Forschenden auf deren Unterstützung angewiesen. © AGEZ/PolyU

Der BH-Prototyp soll bis April entworfen und entwickelt werden, und seine Verbreitung wird über Industriemessen erfolgen. Das fertige Produkt soll innerhalb von drei bis fünf Jahren auf den Markt kommen, und die Kosten werden auf ein ähnliches Niveau wie bei derzeit erhältlichen Funktions-BHs geschätzt.

Yick gab einen Ausblick auf die Auswirkungen des Produkts auf die Zahnmedizin: „Mit der zunehmenden Priorisierung von Gesundheit und Wohlbefinden in der Arbeitsumgebung wird das Projekt langfristig einen positiven Einfluss auf einen Großteil von Zahnärztinnen haben, indem es eine angemessene Unterstützung der Brust und eine Kontrolle der Brustvorwölbung bietet.“

Rotgans fügte hinzu, dass das Produkt auch in anderen Berufen eingesetzt werden könnte: „In jedem Beruf, in dem eine große Körbchengröße ein Hindernis sein könnte. Zum Beispiel bei der Polizei, bei Sicherheitsdiensten und beim Militär, besonders wenn kugelsichere Westen getragen werden müssen.“

Feedback zu täglichen BH-Gewohnheiten benötigt

Da der ergonomische BH anhand der Daten eines Fragebogens entwickelt werden soll, laden Rotgans und Yick Zahnärztinnen und Zahmedizinische Fachangestellte aus der ganzen Welt ein, Feedback zu ihren täglichen BH-Gewohnheiten zu geben. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf BH-bedingten Problemen während der Patientenbehandlung. Der Fragebogen, der von Giselle Choi, einer Bachelorstudentin im letzten Jahr des Studiengangs für Mode und Textilien an der PolyU, entworfen wurde, konzentriert sich auf Themen wie Arbeitshaltung, mögliche Ursachen für Unbehagen und BH-Träger. Die Antworten werden nur für die akademische Forschung gesammelt und vertraulich behandelt. Alle Informationen werden nach Abschluss der Forschung dauerhaft gelöscht.

Zahnärztinnen und Zahnarzthelferinnen, die teilnehmen möchten, finden hier den Fragebogen für den ultimativen ergonomischen BH.

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