Dental Tribune Austria

„Wir diskriminieren niemanden, weil der Virus auch keinen Unterschied macht.“

von Daniel Zimmermann, DTI
March 01, 2011

NEW YORK – Neuesten Statistiken der Vereinten Nationen zufolge leben derzeit mehr als 43 Millionen Menschen weltweit mit dem HI-Virus und Aids. Ein frühzeitiges Erkennen der Krankheit ist lebensnotwendig. Daniel Zimmermann sprach mit Dr. Catrise Austin aus New York City über HIV-Tests in der Zahnarztordination.

Dr. Austin, warum haben Sie sich entschieden, Ihren Patienten kostenlose HIV-Tests anzubieten?
Dr. Catrise Austin: Die Idee, meinen Patienten kostenlose HIV-Tests anzubieten, entstand Anfang 2008, als ich erfuhr, dass diese Untersuchungen nicht nur von Allgemeinmedizinern verwendet werden können. Ich habe mich dann gefragt, warum wir diesen Service nicht auch anbieten, um den Menschen die Möglichkeit zu geben, ihren Status in einer anderen Umgebung zu erfahren. Für mich als Zahnärztin besteht damit die Möglichkeit, die Erkrankung in einem frühen Stadium zu diagnostizieren. Der HI-Virus ist leider immer noch ziemlich verbreitet. In New York City allein gibt es derzeit etwa 94.000 bestätigte Fälle, und es ist abzusehen, dass sich die Zahlen in 2010 nicht verbessern werden.

Warum sollten Zahnärzte ihre Patienten überhaupt auf ansteckende Krankheiten wie HIV/Aids oder Tuberkulose testen?

Ich denke, dass HIV-Tests in jeder zahnärztlichen Ordination angeboten werden sollten, weil die ersten Anzeichen einer Infektion auch immer im oralen Bereich sichtbar sind. Man kann Anzeichen von Herpes oder anderen sexuell übertragbaren Krankheiten im Mund erkennen, und so suchen wir in der Regel da nach Läsionen und ersten Anzeichen der Erkrankung.

Wie funktionieren die Tests?

Das Testverfahren nennt sich OraSure Advance (vom internationalen Unternehmen OraSure Technologies, die Redaktion), und testet nach Antikörpern im Blutsystem. Wir verwenden einen Teststreifen, den wir direkt zwischen die Ober- und Unterlippe platzieren, und den wir dann in eine Entwicklungslösung legen. Nachdem wir den Test gemacht haben, können wir sofort mit der normalen zahnärztlichen Behandlung beginnen, und die Testergebnisse sind innerhalb von 20 Minuten sichtbar.

Leider sind einige meiner Kollegen immer noch sehr unsicher, wie man das Thema dem Patienten in einem zahnärztlichen Umfeld nahebringt. Ich sage ihnen aber jedes Mal, dass die Tests sehr einfach an-zuwenden sind, ohne dass sich der Patient dabei unwohl fühlen muss. Meiner Meinung nach benötigen solche Ideen immer etwas Zeit, um sich durchzusetzen. Es wird aber erfolgreich sein, weil wir damit helfen, Leben zu retten. Ich hoffe auch, dass mehr Zahnärzte weltweit sich dafür entscheiden, diese Tests anzubieten, denn das Verfahren ist nicht sehr zeitaufwendig.

Ist der Test freiwillig?
Der Test ist vollkommen freiwillig und wir bieten ihn sowohl Teenagern, die gerade in der Highschool sind, bis hin zu 60- bis 70-jährigen sexuell aktiven Patienten an. Wir diskriminieren niemanden, weil der Virus auch keinen Unterschied macht. Seit 2008 haben wir den Test ungefähr 150 Patienten angeboten, und 60 haben ihn tatsächlich gemacht. Glücklicherweise konnten wir noch keine positiven Testresultate verzeichnen.

Was passiert, wenn ein Patient positiv getestet wird?

Sie müssen wissen, dass unser Verfahren nur eine Voruntersuchung ist. Meine Mitarbeiter und ich sind jedoch darauf ausgebildet, den Patienten im Fall eines positiven Testergebnisses sofort umfassend zu beraten bzw. verweisen wir ihn oder sie umgehend an den Hausarzt, um einen zweiten Test durchführen zu lassen. Sollte der Patient keinen Hausarzt haben, überweisen wir ihn oder sie an eine der New Yorker Kliniken, mit denen wir in der Regel zusammenarbeiten.

Es gibt derzeit wohl Tausende Menschen in den Vereinigten Staaten und noch viel mehr weltweit, die nicht wissen, dass sie sich mit HIV infiziert haben. Können Voruntersuchungen beim Zahnarzt zu mehr Bewusstsein gegenüber dem Virus beitragen?
Ich hoffe, dass, wenn weitere Zahnärzte sich entscheiden, solche Tests anzubieten, mehr und mehr Leute auf das Thema aufmerksam werden. Es ist an der Zeit, sich bewusst zu machen, dass wir den gesamten Patienten und nicht nur seinen Mund behandeln. Ich bin zwar derzeit die erste Zahnärztin hier in New York City, die den Test anbietet, wäre aber gern Wegbereiterin dafür, das Verfahren zum Standard in allen Zahnarztpraxen weltweit zu machen. Für mich ist es die größte Freude, wenn jemand sagt, dass er oder sie sich niemals dem Test unterzogen hätte, wenn wir ihn ihm oder ihr nicht angeboten hätten. 

Erschienen in Dental Tribune Austria 10/2010

Hinterlassen Sie eine Nachricht

Your email address will not be published. Required fields are marked *

Latest Issues
E-paper

DT Austria No. 6, 2019

Open PDF Open E-paper All E-papers

© 2019 - Alle Rechte vorbehalten - Dental Tribune International